Der böse, böse Christian Klar

Bei SPIEGEL Online echauffiert man sich darüber, dass Christian Klar in einer Grußbotschaft für die Rosa-Luxemburg-Konferenz geäußert hat, dass die Zeit gekommen sei, „die Niederlage der Pläne des Kapitals zu vollenden“. Weiter schrieb Christian Klar:

„Es muss immer wieder betont werden: Schließlich ist die Welt geschichtlich reif dafür, dass die zukünftigen Neugeborenen in ein Leben treten können, das die volle Förderung aller ihrer menschlichen Potenziale bereithalten kann und die Gespenster der Entfremdung von des Menschen gesellschaftlicher Bestimmung vertrieben sind.“

Sogleich unterstellt ihm der Freiburger Kriminologe Helmut Kury, ein Gutachter in der Sache um Klars Gnadengesuch, dass sich der Text angeblich in den „RAF-Gedankengängen von damals“ bewege. Auch der Hinweis, dass Christian Klars Grußwort bei der Rosa-Luxemburg-Konferenz von Heinrich Fink, einem ehemaligen PDS-Bundestagsabgeordneten und früherem Rektor der Berliner Humboldt-Universität, verlesen wurde, darf bei SPIEGEL Online natürlich nicht fehlen.

Nun stellt sich für mich aber die Frage, wer Leute wie Helmut Kury begutachtet, ob diese noch den Wald vor lauter Bäumen erkennen oder ob sie vielleicht bereits an Realitätsverlust leiden könnten. Denn obiges Zitat läßt nichts von „RAF-Gedankengängen von damals“ erkennen, sondern eher vieles im Hinblick auf eine aktuelle, zutreffende und vor allem angebrachte Kapitalismuskritik. Denn was bedeutet Klars Zitat, wenn man es mal in eine umgangssprachliche Formulierung bringt? Hier ein Versuch der Übersetzung:

Schließlich ist die Zeit dazu gekommen, ein System zu entwickeln, das dafür sorgt, dass die Menschen zukünftig unabhängig von ihrer sozialen Herkunft ihre Potenziale und Talente frei von materiellen Behinderungen entfalten können. Die Entfremdung der Menschen von sich selbst durch eine Arbeit, die nicht seinen Potenzialen und Neigungen entspricht, und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen könnte somit zukünftig verhindert werden. Die Menschen fänden zurück zu sich selbst anstatt aus reinen (finanziellen) Sachzwängen eine von außen aufgedrückte „gesellschaftliche Bestimmung“ zu erfüllen.

Was ist daran nun kritikwürdig? Es ist nicht zu übersehen, dass dem Zusammenbruch des Sozialismus der Zusammenbruch des Kapitalismus folgt und dieser schon begonnen hat. Die zunehmende soziale Ungerechtigkeit ist ein Marker dafür, diese führt zu Aggressionen, welche zu Unruhen und Umsturz führen können, wenn man sich nicht endlich darauf besinnt, dass die Erfüllung der Grundbedürfnisse eines Menschen nicht an Bedingungen zu knüpfen ist und vor allem keine milde Gabe oder Almosen ist, sondern das Naturrecht eines jeden Menschen. Kurzum, es wird Zeit für die Umsetzung von Konzepten wie dem bedingungslosen Grundeinkommen oder einem ähnlichen Modell, so dass Grundrechte wie z.B. Wohnen, Ernährung, Kleidung, Energie, Gesundheitsversorgung, Bildung, Kommunikation und Mobilität als das anerkannt werden, was sie sind: Naturrechte eines jeden Einzelnen. Nichts, wofür man sich rechtfertigen, demütigen oder versklaven lassen muss, sondern vor allem auch ein Ausdruck sozialer Gerechtigkeit in einer immer asozialer werdenden Welt. Staaten wie Venezuela fahren gar mit dem Sozialismus recht gut und dort werden Grundbedürfnisse wie Gesundheit und Bildung schon heute jedem Einwohner ohne Wenn und Aber gewährt.

Ich denke daher, dass es ausreicht, wenn Christian Klar keine Tötungen mehr begeht, um dem Gnadengesuch stattzugeben. Niemand verlangt von irgendeinem Gefangenen – auch nicht von politisch Gefangenen – dass er eine Lobeshymne auf den Raubtierkapitalismus oder den Staat Deutschland vorträgt. Ein Gesinnungsstrafrecht gibt es in Deutschland nicht!

Man könnte aber einmal darüber diskutieren, warum die Eliten und Bonzen in den westlichen Staaten – allen voran die fetten Kapitalisten / Meudalisten – so verkommen und ignorant sind, dass sie oftmals nur durch Gewalt, wie Christian Klar und seine Mitstreiter sie eingesetzt haben, zu einer Verhaltensänderung und Mäßigung ihrer Gier zu bewegen sind. Mein Mitgefühl für den Tod des ehemaligen SS-Offiziers und späteren Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer hält sich daher ebenso in sehr engen Grenzen wie das Mitleid für die neulich beim SPIEGEL jammernde Luxus-Witwe Waltrude Schleyer. Leute wie Schleyer waren Teil der Probleme auf der Welt, nicht Teil irgendwelcher Lösungen. Andere sind es noch heute und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass der Verlust von Leuten wie Dieter Hundt oder Martin Kannegiesser, dem Initiator der Arbeitgeber-Propagandamaschinerie INSM, mich auch nicht sonderlich tangieren würde.

Bin ich jetzt auch ein RAF-Terrorist oder ein zu verfolgender Gesinnungsstraftäter, weil ich den Kapitalismus für ein menschenverachtendes Scheiss-System halte und ihn als tot und gescheitert betrachte, weil er die Fundamente der Gesellschaften, insbesondere die Solidarität und das Mitgefühl, zerstört?

Advertisements

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: